Der Name ist Programm – Kuchlbauers Bierwelt mit dem
Kuchlbauerturm ist eine ganz eigene Welt. Das Bierbrauen ist nur eine Seite der
kulturvollen Brauerei. Die Kunst und der Turm, die Geschichten um das Brauhaus,
der schön gestaltete Biergarten, der Genuss und das lebendige Kunsthaus sind
weitere Teile davon. All das an einem einzigen Tag zu erleben, füllt die Sinne
aus und macht satt.
Ich bin von früh morgens an in Abensberg unterwegs, schleiche
schon vor der Öffnungszeit um das Gelände mit dem Biergarten herum, bewundere
die liebevoll gestaltete Mauer mit den Einfassungen, den rohen Ziegeln, den
einfachen Schmuckelementen.
Als es endlich losgeht mit der Führung, habe ich schon die
ersten Bilder vom Turm gemacht – das Morgenlicht hat so wunderbar geschienen, das
Gold der Kugel leuchtete weithin. Ich tauche nun, begleitet von Hans Meyer, dem
kundigen Brauereiführer, ein in das Leben der Kuchlbauer-Welt. Lerne etwas von
Malz und von Hefe, verstehe, was untergäriges und was obergäriges Bier ist.
Auf dem Rundgang begleitet uns die Braukunstspur, ein
ornamentales keramikverziertes Band, das als vielseitiger Schmuck dynamisch
durch die Anlage geleitet. Wie ich später nachlese, haben die Erbauer des
Kuchlbauer-Turms hier schon vor Baubeginn geübt, wie im Sinne Hundertwassers
mit den Materialien umgegangen werden kann.
Der Inhaber der Brauerei, Leonhard Salleck, berichtet in
seinem reich bebilderten Buch „Der Kuchlbauer und sein Turm“ auf interessante
und lebendige Weise von der Entstehung des Turms, von seinen Träumen, seinen
Kämpfen für das Gelingen eines Traums, von seiner Liebe zur Kunst und
Philosophie, von seinem Wunsch, den Menschen Schönheit und Genuß nahe zu
bringen. Er erzählt respektvoll und voller Dankbarkeit von den Handwerkern der
Region, die engagiert und kreativ zu Werke
gingen. Dass der Turm überhaupt gebaut werden konnte, ist eines der vielen
kleinen Wunder, die geschehen mussten. Er war zunächst mit 70 Meter Höhe
geplant, das wurde von der Denkmalbehörde jedoch strikt abgelehnt. In Bayern darf kein
Gebäude höher sein als der Kirchturm. Erst
nach langen Kämpfen und einer Reduzierung des Höhe auf 50 und schließlich auf
35 Meter konnte das Bauwerk entstehen. Dazwischen arbeitete Salleck sich durch
den Behördendschungel, argumentierte, phantasierte, bezahlte Gutachten und arbeitete
mit dem Architekten Peter Pelikan neue Pläne aus. Bewunderung und Respekt – das sind die Worte, die mir einfallen, wenn
ich die Geschichte des Leonhard Salleck und des Kuchlbauer-Turms lese. Es gibt
nicht oft Menschen, die so beharrlich an einen Traum glauben, noch dazu, wenn dieser
Geld kostet und der Allgemeinheit dient. Sicher haben auch betriebswirtschaftliche
Erwägungen eine Rolle gespielt, dazu steht Salleck. Um seine Brauerei bekannter
zu machen, setzte er nicht auf mehr Werbung, sondern auf besondere Erlebnisse
und schöne Gestaltung, die den Ort zu einem Touristenmagnet machen. Das Konzept
ging auf.
Und Hundertwasser? Der hatte die Zusammenarbeit zunächst
abgelehnt. Im Jahre 1999, als ihn die Bitte des Brauers aus Bayern erreichte,
fühlte er sich einem solchen Projekt nicht gewachsen. Sallek ließ nicht locker. Er konnte
sich niemanden anders für den Turmentwurf vorstellen als den österreichischen
Künstler. Schließlich kann davon ausgegangen werden, dass die Geschichte der Brauereizwerge
für Hundertwasser der Anstoß waren, dem Projekt letztendlich eine Zusage zu
erteilen.
Ich hatte vieles erwartet, aber keine Gartenzwerge. Bei der Führung
durch die Brauerei hielt ich sie noch für touristenerfreuendes Beiwerk. Doch
schnell wurde klar, dass diese Zwerge, die die guten Eigenheiten der Braukunst
symbolisieren, mit aller Ernsthaftigkeit zum Projekt gehören. Hundertwasser wurde
geoutet als Liebhaber von Gartenzwergen. Er hat wohl Geister- und Fabelwesen
wie Zwerge und Gnome gemocht, als Verbindungsfiguren zur Natur, als Symbol für
das Recht auf Träume. Ob er wirklich den deutschen Gartenzwerg verehrte, wage
ich zu bezweifeln. Hier verschieben sich die Dimensionen vom Feen- und
Geisterglauben hin zum Braureizwerg mit Mütze und Bart. Der Meister selbst kann
sich nicht mehr wehren.
Die singenden und klingenden Gartenzwerge sind mir in der
Kuchlbauer-Welt ein ganzes Stück zu dicht am Kitsch. Wie sie zusammen mit dem
Engelchen in einer spiegelverglasten Grotte auf Knopfdruck singen und erzählen,
erinnert mich eher an Kindertheater als an Hundertwasser, auch wenn eine Grafik
von ihm an der Wand hängt und alles dem Meister huldigt. Das ist für meinen Geschmack
zu dich aufgetragen. Hundertwasser liebe ich für seine Klarheit, seine Reduktion
ohne Verzicht auf Farbe und Schönheit.
Nach den Zwergen bleibt ein seltsames Gefühl der Fremdheit,
als ich den Turm beginne zu besteigen. Aber er lockt, er leuchtet, er fasst
sich gut an. Ich streichle die Säulen, meine Hände tasten über rauhen Putz,
über Klinkersteine und Keramik.
Ich lasse mir Zeit dabei, diesen Weg nach oben möchte
ich ohne Gruppe und Erklärungen gehen. So kann ich alle Details bewundern, genießen,
erschließen. Ich werde von der mit jeder Etage reicheren Aussicht belohnt und
kämpfe ganz still mit meiner immer wieder auftretenden Höhenangst. Auf der
freien Außentreppe an der Kugel zwinge ich mich, nur noch oben zu schauen und
sage mir, ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich nicht oben angekommen wäre.
Wissend, dies ist ein ganz besonderer Ort, den ich
vielleicht nur diese eine Mal besuche, bleibe ich lange in der Kugel sitzen.
Ein Film über bayrisches Bier läuft in Dauerschleife. Der Brauherr selbst lädt
ein zu Bier und Genuss. Ein sympathischer Mann, stille, kluge Augen. Ein Mann
mit Prinzipien. Später lese ich, dass er mit dem Erlös der Brauerei auch ein Waisenhaus
in Sri Lanka finanziert. Er beschreibt, wie schon seine Großeltern immer Bier,
Brot und Suppe für Bedürftige übrig hatten.
Unten angekommen, sehe ich mir noch die kleinen Iglubauten,
die Kinderwelt und die Schatzkammer, an. In der Schatzkammer wurde der Ausspruch
Hundertwassers „Farbe ist Reichtum“ umgesetzt als Schatztruhe voller Farben.
Vielleicht ist es das, denke ich, was mich misstrauisch macht, mir den Genuss schmälert:
Dass alles ausgesprochen, alles bildlich umgesetzt wird, nichts in der Schwebe
bleibt, mir kein Spielraum gelassen wird für eigene Erkenntnisse, mir die Welt
genau erklärt wird, die Welt des Kuchlbauers und ein bisschen die Welt des
Hundertwasser. Vielleicht ist mir das alles deshalb ein wenig zu viel, fühle
ich mich lange Zeit nicht imstande, das Gesehene zu reflektieren.
Und doch gäbe es noch viel zu erzählen: von den Steinen aus
Österreich, der Idee von Knospe, Stengel und Kugel, die den Turm trägt, von den
farbigen Flaschenböden, von den vermauerten Bierkrügen, der Weißbierglassammlung,
von den wundervoll schimmernden Bleiglasfenstern, der Aussicht auf die Stadt,
vom Glockenklang der Kirche, von Taubenkobel und Biergartenteich, von den
Wundern und Geheimnissen des Turmbaus. Aber auch von dem engagierten
Architekten Peter Pelikan, der seit der Entstehung des Hauses in der Kegelgasse
in Wien mit Hundertwasser zusammenarbeitete
und das Projekt in Abensberg nach dessen Tod zu Ende brachte. Aber das ist auch
alles nachzulesen auf der Internetseite der Kuchlbauer oder in den Büchern des
Leonhard Salleck. Ich bin erst einmal in das Erdhügelhaus gegangen, habe gegessen
und getrunken und dabei die gemauerten Rundbögen bewundert, die ich in dieser
Schönheit bisher nur in alten Rathäusern zu sehen bekam.
Am Nachmittag besuche ich das Kunsthaus, das ebenso zum
Ensemble gehört, aber für sich steht und auch ohne Führung zu besichtigen ist.
Ich bin einer von wenigen Besuchern, was es mir erleichtert, die Sammlung
grafischer Werke und Bilder des Künstlers zu genießen. Zwischendurch sitze ich
einfach nur auf einer der riesigen gepolsterten Bänke und genieße die Bilder um
mich, tauche ein in Farbe und Gefühl. Ich habe Zeit, jedes Bild genau anzusehen,
seine Melodie zu spüren, in ihm spazieren zu gehen. Das ist es, was die Bilder
von Hundertwasser so reizvoll macht und mich vor jedem von ihnen lange stehen
und schauen lässt. Die Augen können spazieren gehen. Ich nehme das Bild erst
als Ganzes wahr, dann taste ich mit den Augen die kleineren Bereiche ab, sehe mich
an den Farben satt, krieche in jede Ecke und entdecke auf dem Weg über das Bild
hinweg immer neue Einzelheiten, die eine Geschichte erzählen oder Bild im Bild
sind, immer neue Bezüge und Verwicklungen erkennen lassen. Neben den Bildern
gibt es einige Zeitdokumente, so höre ich
eine Rede Hundertwassers gegen die Atomkraft, erlebe ihn in einer Spielshow, in
der er seine Ideen zum ökologischen Bauen erläutert und belächelt wird. Ich
erhalte wertvolle Einblicke in seine Philosophie, seine Lebens- und
Arbeitsweise. Zahlreiche Modelle und Fotos ergänzen die Sammlung und auch Peter
Pelikan erhält hier die ihm gebührende Würdigung. Der Zwergen-Schreck ist
vergangen.
Ganz im Einklang mit diesem Haus, dessen schiefer Turm ein
reizvoller Gegensatz zum braven Kirchturm der Stadt ist, fahre ich zurück in
mein Hotel. Dort unterhalte ich mich mit der Rezeptionistin. Wie alle
Einheimischen, denen ich begegnet bin, ist sie stolz auf die Kuchlbauer
Bierwelt und freut sich über mein reges Interesse an Hundertwasser. Sie erzählt
vom Weihnachtsmarkt im Kuchlbauer-Turm und meint, das muss man unbedingt erlebt
haben. Die Wirkung von Hundertwassers Kunst auf die Stadt ist überall zu spüren.
Häuser wurden verziert mit passenden Stilelementen, auf Dächern und Balkonen sehe
ich Bepflanzungen und Bäume. Man ist stolz auf das Besondere und freut sich
über die Touristen. In Leonhard Sallecks
Buch kann ich nachlesen, dass die Bevölkerung dem Unternehmen von Anfang an
sehr offen gegenüber stand. Nach dem „Prinzip leben und leben lassen“ hatten
die bayrischen Bewohner keinen Zweifel daran, dass eine solche Idee ihrer Stadt
und der bayrischen Biertradition gut tun würde. Diese Meinung vertraten unterschiedliche
Behörden und der Bürgermeister nicht. Für ihn stand irgendwann die Wiederwahl an
– die konnte er nur gewinnen, wenn er die Meinung der Bürger vertrat und die
eigene änderte. Die Behörden überzeugte Leonhard Salleck mit Beharrlichkeit und
bayrischer Sturheit. Das ist der Stadt und ihm letztlich gut bekommen.
Hundertwasser postulierte das Fensterrecht. Dieses Recht war ihm ebenso wichtig wie die Baummieter, die in seinen Bauwerken und auch sonst überall zu Hause sein sollten. Zeit seines Lebens hat er sich gegen die in seinen Augen unmenschliche Architektur der geraden Linie ausgesprochen, gegen die Vermassung, gegen die Vereinheitlichung. Menschen sollten nach seiner Auffassung nicht in Hühnerställen ähnlichen Blöcken ohne Bezug zur Natur leben, sondern gleichzeitig Architekt, Handwerker und Bewohner des Hauses sein, in dem sie leben. Er war davon überzeigt, dass es möglich ist, die unmenschlichen Wohnbatterien mit einfachen Mitteln zu verändern, lebenswerter zu machen. Er wollte, dass die Menschen in den Häusern wirklich ein Zuhause haben, nicht nur einen Platz zum Schlafen. Dabei ging es ihm nicht um Abriss von Häusern, sondern um deren Veränderung im Sinne einer Schönheit, die sich an der Natur orientiert, an allem, was organisch wächst. Deshalb wurde er lange Zeit abschätzig als "Architekturdoktor" bezeichnet.
Er verabscheute Produkte, die in Massen und uniform hergestellt wurden. (Als er die Grafik für sich entdeckte, brachte er viel Zeit und Geduld auf, um jedes Werk einzigartig zu machen, besonders zu gestalten und eigenhändig zu signieren sowie auf der Rückseite zu vermerken, wer daran mitgearbeitet hat, welches Papier verwendet wurde und welche Technik). Dabei entwickelte er neue und unkonventionelle Methoden, stieß auf interessierte und geduldige Drucker, Techniker und Unterstützer).
Hundertwasser war er vehementer Gegner von in seinen Augen menschenfeindlicher Architektur, er machte viele Vorschläge, wie der Zustand zu überwinden sei, wie die Häuser für die menschliche Seele gesünder gestaltet werden können.
Dabei kam dem Fensterrecht eine besondere Bedeutung zu.
Es besagt, dass jeder Mensch, der ein Haus bewohnt, das Recht hat, das Mauerwerk in Umkreis seines Fensters abzukratzen, neu zu gestalten, zu bemalen, so weit sein Arm und sein Pinsel reichen. Durch die Inanspruchnahme dieses Rechtes würden nach der Auffassung Hundertwassers die Häuser individualisiert und unverwechselbar. Außerdem sollte jeder Mensch, wenn er abends von der Arbeit müde nach Hause kommt, sein Fenster schon von weitem erkennen und die Kinder des Ortes sollen sagen können: Dort, hinter dem Fenster mit den blauen und roten Streifen, da ist mein Zimmer.
Er verabscheute Produkte, die in Massen und uniform hergestellt wurden. (Als er die Grafik für sich entdeckte, brachte er viel Zeit und Geduld auf, um jedes Werk einzigartig zu machen, besonders zu gestalten und eigenhändig zu signieren sowie auf der Rückseite zu vermerken, wer daran mitgearbeitet hat, welches Papier verwendet wurde und welche Technik). Dabei entwickelte er neue und unkonventionelle Methoden, stieß auf interessierte und geduldige Drucker, Techniker und Unterstützer).
Hundertwasser war er vehementer Gegner von in seinen Augen menschenfeindlicher Architektur, er machte viele Vorschläge, wie der Zustand zu überwinden sei, wie die Häuser für die menschliche Seele gesünder gestaltet werden können.
Dabei kam dem Fensterrecht eine besondere Bedeutung zu.
Es besagt, dass jeder Mensch, der ein Haus bewohnt, das Recht hat, das Mauerwerk in Umkreis seines Fensters abzukratzen, neu zu gestalten, zu bemalen, so weit sein Arm und sein Pinsel reichen. Durch die Inanspruchnahme dieses Rechtes würden nach der Auffassung Hundertwassers die Häuser individualisiert und unverwechselbar. Außerdem sollte jeder Mensch, wenn er abends von der Arbeit müde nach Hause kommt, sein Fenster schon von weitem erkennen und die Kinder des Ortes sollen sagen können: Dort, hinter dem Fenster mit den blauen und roten Streifen, da ist mein Zimmer.
Nach Selb fuhr ich an einem klaren Sonntagmorgen. Der Regen
hatte in der Nacht aufgehört. Sonntägliche Glockenschläge hallten durch die Straßen.
Nur wenige Menschen sah ich.
In Selb erwartete mich Sonnenschein und Kopfsteinpflaster. Von fern war mittelalterliche Musik zu hören – ein Festival fand statt, einige Leute mit Leinenkleidern und geschnürten Stiefeln waren dorthin unterwegs.
Im Cafe nahe der schönen Andreaskirche waren die Stühle noch feucht. Ein Kellner wischte die Tische ab, ein zweiter lehnte in der offenen Tür, blinzelte in die Sonne und rauchte. Die wenigen Menschen, die mir begegneten, sagten Grüß Gott.
In Selb erwartete mich Sonnenschein und Kopfsteinpflaster. Von fern war mittelalterliche Musik zu hören – ein Festival fand statt, einige Leute mit Leinenkleidern und geschnürten Stiefeln waren dorthin unterwegs.
Im Cafe nahe der schönen Andreaskirche waren die Stühle noch feucht. Ein Kellner wischte die Tische ab, ein zweiter lehnte in der offenen Tür, blinzelte in die Sonne und rauchte. Die wenigen Menschen, die mir begegneten, sagten Grüß Gott.
Ich durchquerte die feierliche kleine Innenstadt.
Den Berg hinauf zum Fabrikgelände führte mein Weg. Dort steht an der Straße ein
mit bunten Regenbogen bemalter großer Fabrikbau. Blinkendes Rot und Grün im
Sonnenlicht. Davor das große Werbebanner von Rosenthal. Ein großer Bogen über die ganze Häuserfront gemalt,
noch ganz jungfräulich. Nein, Hundertwasser war das nicht.
An den bunten Bau schloß sich ein unscheinbaren Gebäude an, von ihm geteilt durch einen Turm. Die vorherrschende Farbe des 70er-Jahre-Baus war grau. Aber die Wesenszüge einer von Hundertwasser bearbeiteten Fassade waren sofort zu erkennen.Ich setzte mich auf eine Bank gegenüber, im Rücken einen Parkplatz mit ungewöhnlich vielen Bäumen.
Die Linien, die die Geradlinigkeit der
strengen Fassade brechen, die Musterungen, die sich auf der Fassade mit Kacheln
abzeichnen, sind gut zu erkennen. Als wären sie dem Haus gewachsen, ein Moos,
eine Pflanze, ein Teppich auf der Außenhaut. Einige der Kacheln fehlen. Das
Wetter hat die Fassade ergrauen lassen. Doch auf dem Dach sind die Bäume groß
geworden, ragen als kleiner Park in den wolkigen Himmel. Die Baumbewohner
wachsen noch immer aus den Fenstern und sind von Weinranken eingefasst, die den
Turm und das Haus teilweise bedecken. Das kleine Pförtnerhaus ist bewachsen von
Bäumen und Sträuchern, wie Lianen im Urwald hängen Weinranken herunter, einige
Blätter sind schon herbstlich gefärbt.
Die Idee ist also lebendig geblieben, die Veränderung hat Bestand und ist selbst Veränderungen unterworfen Das Haus verwittert, es ist lebendig im Sinne des Künstlers. Eine diebische Freude sitzt in mir und kichert. Ich denke an Hundertwassers Verschimmelungsmanifest, an seine Nacktreden, mit denen er brave Bürger erschreckte. Ich denke an sein Manifest, in dem er die menschliche Architektur fordert, eine, in der Pflanzen Ecken abrunden und Vergänglichkeit zulässig ist. Genau das passiert hier gerade und ich darf Zeuge sein. Während ich so sitze und dem Haus beim Verwittern zuschaue, finde ich es viel schöner als die bunt angemalten nebenan. Es hat Charakter und es ist grün.
Der gestaltete Parkplatz, von dem in den Büchern die Rede
ist, kann nur der gegenüber mit den vielen Bäumen sein. Er scheint mir auch
ziemlich uneben und hat keine Markierungen. In den 35 Jahren seit der Neugestaltung
hat sich viel verändert. Ein zweiter, größerer Parkplatz ist hinzugekommen. Die
bepflanzten Erdwälle, die ihn umgeben, haben eine welligen Boden und sind an
den Kanten nicht gerade.
Es wird viel Parkfläche gebraucht, denn hier ist nicht nur die Fabrik von Rosenthal (zu dem inzwischen weitere Betriebe gehören). Hier haben sich weitere Gewerbe und große Marken niedergelassen. Es gibt ein großes Outletcenter mit Werksverkäufen, Restaurant und riesigen Parkflächen. Ich kann mir gut vorstellen, wie hier an Wochentagen der Einkauf tobt. Froh und erleichtert bin ich, weil ich den Ausflug nach Selb für Sonntag geplant habe. Für einen kurze Frist gehören die Straße und die Bank und der Parkplatz und das verwitterte Fabrikgebäude mir.
Es wird viel Parkfläche gebraucht, denn hier ist nicht nur die Fabrik von Rosenthal (zu dem inzwischen weitere Betriebe gehören). Hier haben sich weitere Gewerbe und große Marken niedergelassen. Es gibt ein großes Outletcenter mit Werksverkäufen, Restaurant und riesigen Parkflächen. Ich kann mir gut vorstellen, wie hier an Wochentagen der Einkauf tobt. Froh und erleichtert bin ich, weil ich den Ausflug nach Selb für Sonntag geplant habe. Für einen kurze Frist gehören die Straße und die Bank und der Parkplatz und das verwitterte Fabrikgebäude mir.
Weil ich noch viel Zeit hatte, wanderte ich zum
Porzellanikon.
Auf dem Weg dorthin begegnete mir ein Haus, das aussah wie von
Hundertwasser gestaltet, aber es war ein Wohnhaus am Rande des Stadtkerns,
nicht weit von der Fabrik und dem Outletcenter entfernt. Ich schaute es mir
genau an. Viele Detail des offenbar umgestalteten Hauses waren stimmig mit
denen, die ich von Hundertwasser-Gebäuden kenne. Ich kann das Rätsel um das
Haus derzeit noch nicht lösen, aber es hat mir einfach gut gefallen und passt
in diesen Blog. Wenn Hundertwassers Ideen Kreise ziehen und andere dazu ermuntern,
in ähnlicher Weise ihre Häuser zu gestalten, kann das nur in seinem Sinne sein.
Ich vermute, dass die Gestaltung des Hauses im Rahmen eines deutsch-tschechischen
Projektes zur Gestaltung von Häuserwänden des "Kunstvereins Hochfranken
Selb e.V.“ entstanden ist, das im Juni 2017 stattfand.
Im Porzellanikon war am Sonntag Tag des offenen Denkmals.
Der Eintritt kostete nur einen Euro und eine Porzellanmalerin zeigte ihre
Arbeit. Im Museum kann man viel über die Geschichte des Porzellans, über
Herstellung und Verarbeitung, aber auch über Porzellan als Kunstgegenstand
erfahren. Die alte Dampfmaschine ist ebenso spannend wie das Entwerfen von
Mustern oder das Aufbringen und Brennen der Farben.
In der Ausstellung über die Geschichte der Rosenthals und die Geschichte der Firma entdeckte ich auch Hundertwasser wieder. Die Umgestaltung des Fabrikgebäudes und des Parkplatzes ist erwähnt und mit Fotos dokumentiert. Ich erfuhr auch, dass Hundertwasser für Rosenthal, der nicht nur hochwertiges Geschirr, sondern auch Kunstwerke aus dem edlen Material herstellen ließ, eine Vase gestaltet hat. Sie ist im Porzellanikon ausgestellt. Wundert es, dass sie aussieht wie ein Hundertwasser-Haus? Steckt man eine Blüte hinein, wächst auf dem Dach ein Baum.
Es war einmal ein Bahnhof. Man hatte ihn einst im Jahre 1887, im Wilhelminischen Zeitalter, in Uelzen gebaut. Zu dieser Zeit fuhren viele Züge von Berlin nach Bremerhaven, von wo die Auswanderer nach Amerika aufbrachen. Es gab viele Menschen, das Land auf dem Seeweg verließen. Sie suchten in Amerika ihr Glück. Viele Jahre später kam ein großer Krieg über das Land. Als er endlich zu Ende war, legte man beim Aufräumen und Sortieren des zerstörten Landes eine Grenze fest, die es fortan teilte. Diese Grenze teilte auch die Bahnlinie, die nun nicht mehr die Amerika-Route genannt wurde. Es gab neue Möglichkeiten, das Land zu verlassen, wenn man dies wollte. Jedenfalls war das auf der Seite so, auf der der Bahnhof Uelzen lag.
So schlief der Bahnhof schließlich ein. Der Uelzener Bahnhof wurde darüber alt und hässlich Dass er unter Denkmalschutz gestellt wurde, half ihm nicht, jung zu bleiben. Mit Um- und Anbauten verschandelten die Menschen sein Antlitz zusätzlich. Reisende blieben nicht gern hier und waren froh, wenn sie nicht länger als nötig an diesem Ort bleiben mussten, von dem eine Journalistin schrieb, niemand würde dort aus Absicht hinfahren, weil der Tunnel vielleicht direkt in den Orkus führe. Das machte den Bahnhof sehr traurig. Besonders wenn es regnete, sah er trostlos und verwittert aus.
Da kam ein grüner Ritter, der jeden Tag durch den alten Bahnhof laufen musste, um von seiner Burg in die große Stadt zu gelangen. Dem jungen Ritter war viel daran gelegen, die Natur zu erhalten. Schießlich war er grüner Ritter. Er fuhr gerne mit dem Zug und kannte den alten Bahnhof von Uelzen. Der tat ihm leid, doch sah der grüne Ritter auch die versteckte Schönheit des Bahnhofs. Mehr noch, er konnte sich vorstellen, wie der Bahnhof einstmals, als er noch ein Tor in die weite Welt war, ausgesehen hatte. Der grüne Ritter beschloss, dem Bahnhof zu helfen. Noch hatte er keine Idee, wie das gehen könnte.
Der grüne Ritter überlegte lange, was er tun könnte. Da fiel ihm ein Wort seiner Mutter ein: „Gemeinsam ist man stärker“. Daran dachte der grüne Ritter und fand einen roten Ritter, der den alten Bahnhof auch sehr häßlich fand und ihm helfen wollte. Gemeinsam gingen sie zu einem schwarzen Ritter und baten ihn um Hilfe, denn die schwarzen Ritter hatten in der Stadt besonders viel Macht. Dem schwarzen Ritter gefiel die Idee, den kleinen Bahnhof zu retten. Gemeinsam überlegten sie viele Tage und Nächte, was zu tun wäre. Sie berieten sich mit anderen Rittern in der Stadt und wurden von vielen verlacht. Keiner traute ihnen zu, den alten häßlichen Bahnhof zu retten.
Schließlich beschlossen die drei Ritter, den reichen Kaufmann Expo zu fragen. Expo schickte sich zu der Zeit an, wieder einmal seinen Reichtum auf einer Messe zu präsentieren. Da Expo gern im ganzen Land bekannt und beliebt sein wollte, gab er kleinen Händlern und Städten Geld, um bei ihm mitzumachen. Die drei Ritter schrieben einen langen Brief an Expo und erklärten, warum ihr Bahnhof wieder schön werden sollte. Expo aber lachte sie aus und lehnte ab.
Die drei Ritter gaben dennoch nicht auf. Sie fragten viele Leute und sammelten Ideen, wie dem Bahnhof zu helfen wäre. Da fiel ihnen der Zauberer Hundertschön ein. Er konnte Häuser so verzaubern, dass sie neu und wundervoll wurden und dabei doch alt bleiben durften. Manchmal nachts träumten die drei Ritter nun von einem verzauberten Bahnhof und sahen sich dann Bilder des Zauberers Hundertschön an. Sie überzeugten einige Leute in der Stadt, ihn um Hilfe zu bitten. Es zeigte sich, dass der Bürgermeister den Zauberer Hundertschön sehr verehrte. So schickten die drei Ritter gemeinsam mit dem Bürgermeister eine Brieftaube los, denn der Zauberer wohnte in einem fernen Lande.
Die Brieftaube war 3 Wochen und drei Tage unterwegs. Der Zauberer Hundertschön las den Brief der Ritter und des Bürgermeisters. Dann dachte er lange nach. Ihm tat der kleine häßliche Bahnhof leid. Auf den Bildern, die die Taube mitgebracht hatte, sah er die Anmut des alten Bahnhofs, denn er hatte eine besondere Gabe, die verborgene Schönheit sichtbar machte. Hundertschön schrieb einen Brief an die drei Ritter und den Bürgermeister. Darin erklärte er ihnen, dass er sich gerne um den alten Bahnhof kümmern möchte, ihm jedoch die weite Reise zu beschwerlich war.
Wieder war die Taube drei Wochen und drei Tagelang unterwegs. Inzwischen hatten die drei Ritter gemeinsam mit dem Bürgermeistern und ein paar Helfern einen neuen Brief an den Kaufmann Expo geschickt, denn sie fürchteten, dass auch die Hilfe des Zauberers Hundertschön nicht ausreichte, um den alten Bahnhof zu retten. Dass der Zauberer bei der Verschönerung des Bahnhof helfen würde, schrieben sie dem Kaufmann Expo auch. Außerdem hatten sie sich vorgenommen, mit dem Bahnhof grüne Energie zu gewinnen, indem sie Sonnenfängerplatten auf die Dächer montierten.
Schließlich kam aus dem fernen Land endlich eine Brieftaube zurück. Der Zauberer Hundertschön schickte viele Ideen und Zeichnungen. Auch genaue Anweisungen waren dabei, die helfen sollten, seinen Zauber aus der Ferne wirken zu lassen. Heimlich hatte Hundertschön schon an einem ganz kleinen Bahnhof zu Probe gezaubert. Den schickte er per Schiff nach Uelzen und so konnten sich die Leute aus der Stadt alles anschauen. Viele waren erleichtert, als sie sahen, dass der alte Bahnhof trotz der Zauberei immer noch aussah wie ihr Uelzener Bahnhof. Hundertschön meinte dazu: „Wer die Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft. Wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.“ Deshalb wollte er den alten Bahnhof alt sein und trotzdem schön werden lassen.
Die Handwerker des Ortes machten sich nun daran, dem Zauberer bei der Arbeit zu helfen. Doch sie konnten viele Werkzeuge nicht benutzen. Kaum hatten sie den Bahnhof betreten, waren Elle und Lot, Metermaß und Lineal verschwunden. Darüber ärgerten sie sich sehr. Der Zauberer versprach ihnen, dass der alte Bahnhof auch ohne gerade Linien besonders schön werden konnte. Er fand sogar, die gerade Linie sei gottlos. Das verwunderte die Handwerker sehr. Doch sie durften als Belohnung für ihre Geduld am Ende der Arbeit ihr Werkzeug ins Treppengeländer stecken, wo es mit einem kleinen Zauber festwuchs und für immer an die Handwerker erinnert.
Die Bauarbeiter bauten Verzierungen und Säulen, so wie es ihnen Spaß machte, unter der Bedingung, dass sie den Zauberer Hundertschön nicht störten. Und so entstanden viele bunte Säulen, Wände mit tanzenden Fenstern, Fenster mit Zungenbärten und sogar ein kleiner Dornröschenturm mitten im Bahnhof. Die Wege um den Bahnhof herum pflasterten die Handwerker mit über 30 Sorten Pflastersteinen. Dabei wurden sie recht übermütig und legten Figuren und Muster, sogar ein Glücksschwein wurde auf den Gehweg gepflastert. Der Zauberer Hundertschön lächelte darüber. Er verwandelte indessen die Dächer des alten Bahnhofs in blühende Wiesen, ließ Bäume auf den Bahnsteigen wachsen und einen Springbrunnen durch den Tunnel fließen. Zum Schluss setzte er goldene Kugeln auf die Ecken des Bahnhofsgebäudes und meinte: „Reiche und Mächtige hatten immer schonTürme. Ein goldener Zwiebelturm am eigenen Haus erhebt den Bewohner in den Status eines Königs.“
Als er diese Worte hörte, wurde der kleine Bahnhof, der nun ein schöner Bahnhof war, sehr stolz. Er schüttelte den Baustaub aus den Fugen, rückte seine Schienen zurecht und wartete auf den Tag seiner Neugeburt. Vorher kamen noch viele Besucher und schauten sich an, wie der kleine Bahnhof immer mehr verzaubert wurde. Niemand lachte mehr. Alle sahen, wie schön der Bahnhof wurde und wie trotzdem die alten Mauern und Ziegelsteine glänzten. Über diese Zauberei waren die Gäste besonders erstaunt.
Der Zauberer Hundertschön machte sich im fernen Land auf den Weg, um den kleinen Bahnhof und das Land drumherum zu besuchen. Er fuhr mit dem Schiff über das Meer. Unterwegs malte er einige Bilder und auch eines für den kleinen Bahnhof Uelzen. Als er dieses Bild fertig gemalt hatte, schlief er plötzlich ein und wachte nie wieder auf. Darüber waren die Ritter, der Bürgermeister, die Leute in der Stadt, die Handwerker und auch der Bahnhof sehr traurig. Sie wussten aber, dass sie das Zauberwerk von Hundertschön auch ohne seine Hilfe beenden konnten. Alle gaben sich besondere Mühe und dachten dabei an den Zauberer. Als der kleine Bahnhof in Uelzen neu eröffnet wurde, strahlte er so hell, dass auch die Leute in dem fernen Land, in dem der Zauberer gewohnt hatte, es sehen konnten.
Der Kaufmann Expo gab schließlich gar kein Geld für den Bahnhof, obwohl der grüne, der rote und der schwarze Ritter ihr Versprechen gehalten hatten. Es lachte aber auch niemand mehr über die Idee der drei Ritter. Viele Leute in der Stad fanden den verzauberten Bahnhof nun sehr schön. Wer konnte, hatte etwas Geld dazu gegeben, damit der Bahnhof noch schöner werden konnte. Reisende waren neuerdings sogar traurig, wenn ihr Zug pünktlich kam, denn nun konnten sie weniger Zeit auf dem alten Bahnhof verbringen.
Es kamen immer mehr Gäste in die Stadt, um den Bahnhof zu sehen und niemand wollte mehr so schnell wie möglich weg von dort. Sie blieben eine Weile, schliefen im Hotel, schauten sich die alte Innenstadt und die Umgebung an. Viele fanden, dass es eigentlich richtig schön war in Uelzen. Die Leute aus der Stadt und auch die drei Ritter zeigten allen gern ihren neuen alten Bahnhof. Sie gaben dem Platz vor dem Bahnhof den Namen des Zauberers Hundertschön und beschlossen, dass in ihrer Stadt die Zauberer der Farben und der Schönheit für immer ein Zuhause haben sollten.
Ich habe unter Galerie aus der Rubrik"Natur" die Rubrik "Kunst am Wegesrand" gemacht. Die sieht man erst, wenn man sie öffnet. (Sozusagen ein Geheimtip). Dort ist einiges über die Städte sowie andere Kunst- und Kulturprojekte zu erfahren.
Es ist mir nur leider nicht möglich, die Galerie an dieser Stelle umzubenennen, da ich meine Informatik-Spezialistin nicht bei mir habe.
Es ist mir nur leider nicht möglich, die Galerie an dieser Stelle umzubenennen, da ich meine Informatik-Spezialistin nicht bei mir habe.
Im Regionalexpress von Frankfurt nach Berlin gibt es eine
flotte Durchsage des Zugbegleiters: Sehr verehrte Fahrgäste, wie haben wieder
einmal am Baustellenrad gedreht und heraus gekommen ist ein Schienersatzverkehr
ab Erkner. Wenn das nicht Alltagshumor ist….
Die Zugverbindung von Lutherstadt Wittenberg nach Hannover
hatte ich schon im März herausgesucht, das Sparticket gekauft. Nun fuhr der
Regionalexpress nicht nach Halle durch, wo der IC nach Hannover starten sollte.
Umsteigen in Bitterfeld. Ich entscheide, eine frühere Verbindung zu nehmen, um
den Zug nach Hannover nicht zu verpassen. In Halle sind dann 2 Stunden
Aufenthalt geplant. Der Regio hat 10 Minuten Verspätung. Freundliche Begründung der Zugbegleiterin:
Verspätung aus einer früheren Fahrt wegen hoher Streckenauslastung. Ich wusste
gar nicht, dass das Schienennetz nicht zur Auslastung gedacht war.
Der Bahnhof Halle (Saale) strahlt in erlesener Häßlichkeit. Einen geradlinigen Glasvorbau hat man vor das schöne alte Bahnhofsgebäude gesetzt, um Platz für Geschäfte zu gewinnen. Als ich auf dem Bahnsteig stehe mit meinem großen Koffer, werde ich von zwei Helfern der Bahnhofsmission angesprochen, die hier nach Hilfesuchenden Ausschau halten. Sie bieten mir an, den Koffer in den Zug zu tragen. Das Angebot nehme ich mit etwas Verwunderung gerne an. Wir kommen ins Gespräch, über den Bahnhof, über unbelehrbare Reisende und Bahnbeamte, die es den freundlichen Helfern verbieten wollen, Fragen von gestrandeten Reisenden zu beantworten. Ich kriege den Koffer in den Zug bugsiert und lasse mich auf den Sitz fallen. Jetzt erst einmal 2 Stunden sitzen, an Bildern und Texten für den Blog arbeiten. Hochladen? Es gibt kein WLAN im Zug. Dafür Verspätung. Wegen „ungeplanter Geschwindigkeitsbegrenzungen“ auf der Strecke. Soso.
Ich finde,
Zugbegleiter ist ein Job mit vielen Herausforderung. Freundlichkeit und Kreativität
sind stark gefragt.
Ich kann die Verspätung mit Gelassenheit nehmen. Auf mich wartet in Hannover nur ein reserviertes Hotelzimmer.
Ich kann die Verspätung mit Gelassenheit nehmen. Auf mich wartet in Hannover nur ein reserviertes Hotelzimmer.
Hat schon einmal jemand einen Waggon bestiegen, in dem eine
aufgeregte Schulklasse unterwegs war? Der Geräuschpegel ist bei aller
Kinderliebe nur mühsam zu ertragen. Noch schlimmer, wenn der Altersdurchschnitt
der Schulklasse 60 Plus beträgt. Eine aufgekratzte Rentnergesellschaft auf
dem Weg zu einem gemeinsamen Urlaub. Altherrenwitze fliegen hin und her, die
Frauen packen die Brote aus, neben den Sitzen stehen freundliche Rentner und
unterhalten sich lautstark, nicht wahrnehmend, dass sie den Durchgang versperren.
Im Nebenabteil unterhält sich angeregt eine Gesellschaft älterer Damen, die an
die Ostsee wollen. Sie sprechen über die zickige Heidi, die immer alles nach
ihrem Willen haben will und nie zufrieden ist. Heidi wird so richtig durch den
morgendlichen Pappbecherkaffe gezogen und tut mir jetzt schon leid.
Auf dem Bahnhof Uelzen die Lautsprecherdurchsage, dass der
Zug sich um etwa 70 Minuten verspätet. Grund ist ein Notarzteinsatz im Gleis. Das
sind die Ansagen, die mich schaudern lassen.
Als ich am frühen Nachmittag am Hundertwasser-Melanchton-Gymnasium ankomme, ist es sehr still auf dem Schulhof. Nur der Springbrunnen rauscht. Für einen Schulhof eher untypisch. Aber es gehen Leute durch den kleinen Park, der zum Gelände gehört und für alle zugänglich ist. Ein Kind fährt mit dem Fahrrad vorbei. Am Haupteingang zwischen den bunten Säulen begrüsst mich Emily Hoyer, Schülerin der 10. Klasse an dieser Schule. Ich bin heute ihr einziger Gast. Emily ist es eine Freude, Gäste durch ihre Schule zu führen. Als Mitglied im Förderverien der Schule ist es ist ihr wichtig, sagt sie, das Erbe des Künstlers wach zu halten.
1993 gab es am Wittenberger Gymnasium ein Projekt, das nannte sich „Meine Traumschule“ und war von Kunstlehrern der Schule initiiert worden. Schüler hatten gezeichnet, wie sie sich die Schule der Zukunft vorstellen. Es gab viele ungewöhnliche und neue Ideen, sie reichten vom Zirkuszelt bis zum Swimmingpool. Allen Entwürfen war gemeinsam, dass sie die Schule grün und bunt dachten. Der Schülerrat beschloss, sich an Hundertwasser zu wenden, denn seine Ideen kamen denen der Kinder und Jugendlichen am nächsten. Eine Sanierung der Schule war zu diesem Zeitpunkt dringend notwendig und geplant. Der Umbau erfolgte 1997 – 2000, er hat 9,6 Millionen DM gekostet. Mit einer halben Million D-Mark haben sich Eltern, Lehrer und Schüler über den Förderverein mit Eigenleistungen am Schulumbau beteiligt. Hundertwasser begleitete und förderte das Projekt unentgeltlich.
Wir gehen durch den kleinen Park mit 3 Bühnen, bei Schulveranstaltungen oder an Tagen der offenen Tür werden sie genutzt, die Theatergruppe führt hier Stücke auf. Im Rahmen von Projekten haben die Schüler eigene Kunstwerke, zum Beispiel die Libelle als Sitzbank, für ihren Park entworfen. Es gibt an der Schule verschiedene Projekte, jedes Jahr lautet das Thema anders. Der Park ist auf welligem Untergrund angelegt, es gab ihn als einfache Grünfläche schon vor der Schulsanierung. Hundertwasser hat auf die Gestaltung des Parks großen Wert gelegt, die Schüler sollen sich erholen können, die Füße den Boden spüren. Leider gibt es nicht immer genug Aufsicht führende Lehrer, die alle Bereiche des Parks im Blick haben, deshalb ist es den Schülern oft nicht möglich, den ganzen Park in den Pausen zu nutzen.
Schließlich stehen wir im fliegenden Klassenzimmer, einem offenen überdachten Raum im obersten Geschoß. Von hier hat man einen weiten Blick über die Stadt Wittenberg. Es ist sehr zugig. Regulärer Unterricht findet hier aus Sicherheitsgründen und aus Platzgründen nicht statt. Wir schauen auf die drei
Kuppeln der Schule: eine ist indianischen Stils in Gold und Blau,
eine russisch orientiert, eine ist das kleine Planetarium, das Hundertwasser
der Schule zum Geschenk machte. Das Planetarium wird nur noch zu besonderen Anlässen genutzt, die Technik ist inzwischen veraltet. Im Indianerturm probt die Big-Band der Schule.
1993 gab es am Wittenberger Gymnasium ein Projekt, das nannte sich „Meine Traumschule“ und war von Kunstlehrern der Schule initiiert worden. Schüler hatten gezeichnet, wie sie sich die Schule der Zukunft vorstellen. Es gab viele ungewöhnliche und neue Ideen, sie reichten vom Zirkuszelt bis zum Swimmingpool. Allen Entwürfen war gemeinsam, dass sie die Schule grün und bunt dachten. Der Schülerrat beschloss, sich an Hundertwasser zu wenden, denn seine Ideen kamen denen der Kinder und Jugendlichen am nächsten. Eine Sanierung der Schule war zu diesem Zeitpunkt dringend notwendig und geplant. Der Umbau erfolgte 1997 – 2000, er hat 9,6 Millionen DM gekostet. Mit einer halben Million D-Mark haben sich Eltern, Lehrer und Schüler über den Förderverein mit Eigenleistungen am Schulumbau beteiligt. Hundertwasser begleitete und förderte das Projekt unentgeltlich.
An den Ecken des Schulbaus gibt es die sogenannten
Elefantenfüße, sie verbreitern die Ecken des Gebäudes und runden sie ab, sind ein Symbol der
Standfestigkeit. Ihre rote rauhe Mosaikoberfläche ist aus gebrauchten
Dachziegeln gestaltet, auch hier ein Element, das zum einen die
Wiederverwertung von Materialien und im weiteren Sinne die Aufhebung der
Geschichte durch Neugestaltung beinhaltet. Außerdem war es notwendig,
preiswert zu bauen, da die zur Verfügung stehenden Mittel begrenzt waren. Die
Dächer alter Häuser geben also der Schule Halt und Stabilität.
Wir gehen durch den kleinen Park mit 3 Bühnen, bei Schulveranstaltungen oder an Tagen der offenen Tür werden sie genutzt, die Theatergruppe führt hier Stücke auf. Im Rahmen von Projekten haben die Schüler eigene Kunstwerke, zum Beispiel die Libelle als Sitzbank, für ihren Park entworfen. Es gibt an der Schule verschiedene Projekte, jedes Jahr lautet das Thema anders. Der Park ist auf welligem Untergrund angelegt, es gab ihn als einfache Grünfläche schon vor der Schulsanierung. Hundertwasser hat auf die Gestaltung des Parks großen Wert gelegt, die Schüler sollen sich erholen können, die Füße den Boden spüren. Leider gibt es nicht immer genug Aufsicht führende Lehrer, die alle Bereiche des Parks im Blick haben, deshalb ist es den Schülern oft nicht möglich, den ganzen Park in den Pausen zu nutzen.
Der Schulhof und der kleine Park sind für alle Gäste offen, auch Leute aus der Nachbarschaft sind hier oder Touristen, die sich die Schule anschauen wollen. Emily erzählt, dass es manchmal ein wenig nervt, nicht unter sich sein zu können. Die Touristen-Bimmelbahn, die die Leute vor allem jetzt, im „Sommer der Reformation“ durch die Stadt fährt, macht auch an der Hundertwasserschule Halt. Dann wird fotografiert ohne Rücksicht. Es kam sogar vor, dass Fremde in die Schule gingen, sich ungefragt umschauten, die Toiletten benutzten. Inzwischen gibt es ein elektronisches Schließsystem, so dass nur zu den Pausen alle Türen offen sind. Jeder Lehrer hat einen passenden Schlüssel.
Ist der Unterricht an dieser besonderen Schule besonders?
Nein, es ist ein ganz normales Gymnasium mit ganz normalem Unterricht, meint Emily. Sie
wirkt nachdenklich. Besonderes kann sie am Schulalltag nicht benennen. Wir
gehen in der Pause auf den Hof, erzählt sie, man unterhält sich mit Freunden,
läuft herum. Ob es besonders friedlich zugeht, kann
sie nicht sagen. Sie mag die Atmosphäre der Hundertwasserschule und geht hier gern zur Schule. Emily meint, es ist schön, Teil einer besonderen Schule zu sein. Sie findet die Atmosphäre an der Schule sehr offen. Neue Ideen, verschiedene Ansichten, Haltungen und Religionen haben hier Raum. Die Anschauung, alles Neue zunächst anzunehmen und ernst zu nehmen, offen zu sein für jeden neuen Gedanken - das ist die Anschauung, die Hundertwasser gelebt hat und die an der einzigen Hundertwasserschule selbstverständlich zum stillen Lehrplan gehört.
Es ist ein Gymnasium mit vielen Schülern zwischen
der 5. und 12. Klasse. Die Ausstattung der Räume ist nicht immer auf dem
neusten Stand, dafür fehlen oft die Mittel. Aber im Flur gibt es eine regelmäßig wechselnde Galerie. Es gibt Fotoprojekte, die Schülerfirma Witt-Time, Austauschfahrten nach Springfield in den USA, Studienfahrten, Sportpokale, eine Bibliothek, das Sprachensiegel für Unterricht in 6 Fremdsprachen, die Anerkennung als Europaschule. Im Biologieraum stehen ein Aquarium
und ein Terrarium, die ganze Fensterbank grünt und blüht hier. In den unteren Klassenstufen findet ein intensiver Kunst-Unterricht statt, in dem die Schüler mit dem
Leben und Werk Hundertwassers vertraut gemacht werden. Sie haben die Möglichkeit, sich
mit seinem Werk auseinander zu setzen, selbst künstlerisch tätig zu sein, die
Geschichte ihrer Schule zu erfahren und sie besuchen die Grüne Zitadelle in
Magdeburg.
Im Flur der Schule findet sich die Wächterfigur einer Künstlerin, die sich in den Gestaltungsprozess der Schule einbringen wollte. Gabriele Messerschmidt schenkte der Schule die auffällige Figur, die nun wie ein Engel über alle Kommenden und Gehenden wacht. Die Künstlerin hat den Sinn und Inhalt der engelsähnlichen Figur nicht genauer beschrieben. Vielmehr legte sie ausdrücklich Wert darauf, dass sich jeder Besucher seine eigenen Gedanken machen solle.
Wir gehen über Flure mit verschiedenfarbigen Türen, durch Türen, die mit ornamentalen Mustern geschmückt sind - Restprodukte waren das, die verwertet wurden zum Schmuck der Schule, erzählt Emily.
Eine Aula gab es vor der Schulsanierung nicht. Auch bei ihrer Gestaltung haben die Schüler mit eigenen Ideen mitgewirkt. Die beiden Säulen der Aula wurden von Hundertwasser persönlich hergestellt und aus Wien nach
Wittenberg geschickt. Leider ist die Aula heute belegt und ich kann die Hundertwasser-Säulen
nicht ansehen und fotografieren.
Emily steht inzwischen vor dem großen
Schulmodell. Sie findet es schade, erzählt sie, dass das Bewußtsein für das Besondere dieser Schule, die Ideen und das Wirken Hundertwassers langsam in
Vergessenheit geraten bei den Schülern. Die Generation der Schüler, die an der
Umgestaltung mitgewirkt haben, hat die Schule schon lange verlassen. Auch deswegen arbeitet Emily im Förderverein der Schule mit.
Und sie berichtet von der individuellen Förderung, die jeder Schüler hier genießt. Es wird großer Wert darauf gelegt, dass jeder Schüler studiert, sein Potential gefördert wird. Emily berichtet, dass die Lehrer genau beobachten, welche Stärken ein Schüler hat, dass sie jeden ermutigen, sich auszuprobieren. Sie fördern, fordern, machen Angebote, die Talente und Stärken wachsen lassen.
Diese eher beiläufig erwähnte Förderkultur finde ich beachtlich und besonders wichtig. Auch wenn Emily es vielleicht gar nicht so sieht- das ist auch der Geist des Weltbürgers Hundertwasser, der diese Haltung ermöglicht und befördert. In diesem Sinne ist diese Schule doch eine besondere und sollte es eigentlich nicht sein. Ich wünsche mir, dass jeder Schüler mit so viel Selbstverständlichkeit von individueller und vielseitiger Förderung sprechen kann.
Am Ende begegnen wir dem Künstler selbst. Als Figur mit einer Kleidung angetan, die aus seinen Zeichnungen entsprungen scheint. Hände in den Hosentaschen, große Augen, verschmitztes Lächeln. Ein überdimensionaler blauer Hut mit gelben Tupfen ziert ihn. Blau und gelb sind die Schulfarben, so berichtet mir Emily.
