Die Idee des Baummieters verfolgte Hundertwasser bei seinen Bauprojekten konsequent. Nicht nur um die Häuser herum und auf den Dächern sollte es grün sein, auch im Haus selbst wollte er es wachsen und grünen lassen. So ersann der Künstler die Idee der Baummieter. Bäume sollen im Haus wachsen und aus den Fenstern herausschauen. Bäume sollen zum Leben der Menschen ganz selbstverständlich dazu gehören.
Dass das Wurzelwerk in die Mauern wachsen wird und so das Gebäude vielleicht nachhaltig beeinträchtigen könnte, war für Hundertwasser ein normaler Prozess, den er in den Werdegang eines Hauses mit einbezog.
In den heute bestehenden Gebäuden wird der Gefahr der Zerstörung des Mauerwerks durch den Baum entgegengewirkt. Die Baummieter stehen in Schalen oder Wurzelgefäßen, die ein Wachstum über eine bestimmte Größe hinaus nicht zulassen. Auch wird darauf geachtet, dass der Baum nach außen nicht kippt oder bricht. In der Hundertwasserschule Wittenberg muss er darüber hinaus durch ein Drahtgeflecht wachsen, das die Tauben abhält.
Die menschlichen Mieter brauchen allerdings keine Angst zu haben, dass ihr Baummieter für ständige Belüftung und Auskühlen der Wohnung wegen offener Fenster sorgt.Der Baummieter steht in einem abgeteilten Bereich, der mit  einem zweiten Fenster nach innen verschlossen werden kann.
In der Grünen Zitadelle habe ich erfahren, dass das Beaufsichtigen und Pflegen des Baummieters zum Mietvertrag eines menschlichen Bewohners gehören kann. Stirbt der Baummieter, wird er durch einen neuen ersetzt. Trägt der menschliche Bewohner bewusst zum Sterben des Baummieters bei, wird sein Mietvertrag gekündigt.
In der Hundertwasserschule gibt es 6 Baummieter. Gedacht war, dass der Regen sie ganz natürlich wässert. Das Konzept ging leider nicht ganz auf, aber der Hausmeister der Schule kümmert sich liebevoll um die Baummieter. Die Bäume stehen nach dem Wunsch von Hundertwasser in Erde vom Vulkan Ätna, die ist besonders fruchtbar.



An einem wunderbaren warmen Spätsommertag bin ich in Lutherstadt Wittenberg angekommen. Die Pension liegt gleich inder Nähe des Bahnhofs Altstadt. Ein älteres Gebäude. Holztäfelung im Zimmer.  Das Bad zur alleinigen Nutzung über den Flur. Sehr freundlicher Empfang. Und die Aussicht auf glutenfreies Frühstück.  Ein Schlüssel für das Haus und der Hinweis, dass der Marktplatz nur 200 m entfernt ist.
Hier gibt es kein Wlan.  Den Rest des Tages nehme ich mir frei.
Zu Beginn war es eine Idee. Kinder wurden gebeten, aufzumalen, wo und wie sie gerne wohnen würden. Bei Kindern ist alles möglich, erzählt Heike Bodemann-Schenk, die die Gäste liebevoll und unterhaltsam mit dem Haus bekannt macht. Es ist, als wäre sie von Anfang an dabei gewesen, hätte dem Künstler über die Schulter geschaut. Sie spricht von "Wir", wenn sie die Erbauer und Freunde des Hauses meint.  Kinder, so sagt sie, können sich auch vorstellen, in einem Backenzahn zu wohnen. Aber es gab eine Kinderzeichnung, die wurde zum Urprung der grünen Zitadelle: Ein bunter überdimensionaler Stiefel. Er führte zu Hundertwassers Ideen  und schließlich zu einem ganz besonderen Gebäude.


Hundertwasser glaubte an sein Projekt, an ein grünes Haus mitten in der Stadt. Hier verwirklichte er zum Ende seines Lebens seine künstlerischen und ökologischen Ideen, flossen die Erfahrungen vergangener Projekte ineinander, lebte er seine Detailtreue aus. Immer wieder schickte er Faxe und Karten an die Erbauer, korrigierte, mahnte, ermunterte. Schließlich entwarf er noch einen typischen Hundertwasser-Zebrastreifen, der den Weg vom und zum Bankgebäude sicherer machen sollte. Natürlich hatte der keine gerade Linie und weil Hundertwasser sich an der Natur orientierte, schickte er gleich noch ein Bild von einem Zebra mit, das hat nämlich auch keine geraden Streifen.
Der Zebrastreifen fiel den Bauvorschriften für Verkehr zum Opfer. Aber das Gebäude lebt und atmet, ist ein Teil dieser Stadt, es wächst und blüht. Ein ganz und gar friedlicher Ort. Kommt man durch das Tor zwischen den bunten Säulen hindurch (Säulen  gibt es hier 150 Stück und jede ist einzigartig)  in den Innenhof, ist die Welt eine andere. Weit entfernt scheint plötzlich der Straßenlärm, das Rattern der Straßenbahn, das Flirren der Giebel heller Häuser an der Straße. Die Uhren scheinen langsamer zu gehen, während der Springbrunnen die Geräusche verschluckt. Sein Rauschen und der fröhliche Kinderlärm aus dem Garten in der oberen Etage werden zum Klang der Zitadelle.



Wer hier wohnt, ist in einem Kunstwerk zu Hause. Und doch hat noch niemand von seinem Fensterrecht, das Hundertwasser immer gefordert hat, Gebrauch gemacht. Heike Bodemann-Schenk sagt, kommen Sie in ein paar Jahren wieder, dann hat sich die Fassade vielleicht verändert.

Was ist das Fensterrecht?
Es besagt, dass jeder Mensch, der ein Haus bewohnt, das Recht hat, das Mauerwerk um das Fenster zu bemalen und zu gestalten, so weit sein Arm reicht. Daran soll man erkennen, dass hier ein Mensch wohnt. Es ist Ausdruck der Kreativität des Menschen. Und außerdem kann er dann am Abend, wenn er müde von der Arbeit nach Hause kommt, sein Fenster von weitem erkennen.

Im Treppenhaus ist es weniger bunt. Das Auge des Bewohners muss sich erholen. Das schmiedeeiserne Geländer mit den Verzierungen sieht aus wie aus einem sehr alten Haus. Die Stufen sind so gebaut, dass sie abgetreten und gebraucht aussehen. So entsteht der Eindruck, das Haus wurde schon lange bewohnt. Das schafft Vertrautheit. Wo möglich, wurden die Ecken gerundet, mit kleinen Fliesenteilen Kanten nach oben gewölbt, so auch im Art-Hotel.


Die Handwerker hatten es nicht leicht mit diesem Bau. Runde Ecken? Rosafarbene Fassade, ungleichmäßig aufgebrachte Farbe? Säulen, deren Gestaltung bis auf die großen Schalen den Handwerkern selbst vorbehalten sein sollte?
Hundertwasser hatte, wie bei anderen Projekten auch, festgelegt, dass einheimische Firmen mit dem Bau beauftragt werden sollten. Er forderte die Kreativität der Handwerker. Das Gelernte, das Gerade, das Maß des Bauarbeiters waren plötzlich nicht mehr gültig. Eigene Ideen, kreative Lösungen waren gefragt. Das war für die Bauleute nicht einfach. Doch sie lernten, die Ideen des Künstlers anzunehmen und selbst gestaltend tätig zu sein, immer neue Ideen zu verwirklichen. In der Tiefgarage, wo sie an der Gestaltung der Parkplatzbeschriftungen mit Mosaiken beteiligt waren, haben die Handwerker dann eine Wand mit Unterschriften hinzugefügt. Zum Zeichen, dass das "ihr" Haus ist. Leider wurden die Tafeln nicht versiegelt und so haben sich inzwischen auch andere Schriftzüge eingefunden.



Die Grüne Zitadelle zu bauen, war weniger teuer als man denken mag. Hundertwasser bemühte sich bei seinen Projekten immer um Nachhaltigkeit. Sein Grundsatz, dass nicht in die Zukunft gehen kann, wer die Vergangenheit missachtet, kam in der Wahl vieler Materialien zum Ausdruck: So gleicht z. B. kein Fenstergriff dem anderen, sie wurden von alten Häusern wiederverwendet, ebenso Ziegel oder auch Fliesen, die sich aus alten Gebäuden in das neue Haus fügen.
So hat die grüne Zitadelle von Anfang an eine Geschichte.
Und sie fügt sich an diesem Ort in die Geschichte der Stadt ein. Hundertwasser konzipierte das Gebäude als Zitadelle, eine Hommage an die Geschichte Magdeburgs. Er bestand darauf, dass sein Bauwerk genau hier entstehen sollte: zwischen gotischem Dom, den Ausgrabungen karolingischer Befestigungen, von denen eine Springbrunnenanlage auf dem Domplatz erzählt, zwischen romanischem Kloster, sanierten Neubauten der Nachkriegszeit  und neuzeitlichem Bankgebäude. Genau hier gehört es hin, allen Widerständen zum Trotz.

Ich wohnte im Art-Hotel, direkt in der Grünen Zitadelle. Hinter einen grünen Tür fand ich ein einfach eingerichtetes Zimmer, das dennoch komfortabel war. Es hat mir an nichts gefehlt. Ich habe lange nicht mehr so gut geschlafen. Am Morgen bin ich hinaus auf die Terrasse gegangen und habe die Sonne zwischen Bäumen tanzen sehen. Der Wein rankt an den Mauern hoch, die Kinder spielen im Hof, der Springbrunnen rauscht. Leben. Danke, Friedensreich. Und Danke, Magdeburg, dass Du diesen Ort möglich gemacht hast.





Hundertwasser hat die Fertigstellung seines für ihn schönsten Bauwerkes in Magdeburg nicht mehr erlebt. Da das Projekt zum Zeitpunkt seines Todes aber fertig geplant war, konnte dennoch gebaut werden. Der Künstler hatte ursprünglich in anderen Farben geplant. Jedoch entstand in der Nachbarschaft ein Gebäude der Landesbank, ein Klotz in Glas und Stein, graublaue quadratische Steinplatten an den Außenwänden. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Grünen Zitadelle also ein Haus, dessen Bauart und dessen Botschaft Friedensreich Hundertwaser zutiefst widersprachen.



Er kannte den Widerspruch. Und er legte fest, dass sein neues Gebäude genau hier zu errichten ist: zwischen dem gotischen Dom, den barocken Gebäuden am Domplatz, dem modernen Bankgebäude. Hundertwasser hatte keine Wahl: es war offensichtlich, dass die grüne Zitadelle ein farbliches Gegengewicht, eine Komplementärfarbe zum Bankgebäude benötigte. So wurde der Entwurf Rosa. Ein Rosa, das auch an dunklen Regentagen das Haus erstrahlen und es nicht unsichtbar werden lässt. Eine Farbe, die so aufgetragen wurde, dass sie Schatten wirft und die Wände zum Leben erweckt.



Warum wurde die Grüne Zitadelle dann nicht umbenannt in Rosa Zitadelle? 

Weil das Grün im Namen für die Idee steht, die Hundertwasser bei all seinen Architekturprojekten konsequent verfolgt hat: Wenn der Mensch der Natur etwas weg nimmt, um sich ein Haus zu bauen, dann muss er ihr etwas zurück geben. Und so wächst überall auf dem Gebäude, was wachsen kann: Bäume und Sträucher, Wein und Blumen, eine Schmetterlingswiese gibt es und grüne Wege allerorten. Aus der Vogelperspektive ist die Zitadelle grün. Der Name ist Programm.





Einmal habe ich gesagt, irgendwann fahre ich los und schau mir das alles mal an. Darüber ist viel Zeit vergangen. Andere Lebenspläne hatten Vorrang, Kinder wurden groß. Hundertwasser war immer präsent, in Büchern, auf Kalendern, als Notizbuch, als Bild an der Wand, als Erinnerung an einen unwirklich schönen Tag in Bad Blumau. 
Was wird aus meinen Träumen,wenn sie so durch die Zeit geschoben werden, stets voran und unerfüllt, weil der Mut fehlt und die Bedingungen dafür, einfach loszufahren? Zeit ist unendlich, aber meine Zeit ist begrenzt. 
Dann habe ich mir ein Ziel gesetzt: Wenn ich 50 werde, fahre ich zu Hundertwasser. 
Ich bin im Februar 50 geworden, nun fahre ich zu Hundertwasser. Auf eine ziemlich  verrückte Reise lasse ich mich ein. Sitze im Zug, sehe das märkische Grün vorbei fliegen. Die Sonne tanzt mit ein paar Miniwolken. Ein makelloser Tag. Ich denke an die vielen Kilometer, die ich nun per Bahn zurücklegen werde. Der erste Stopp ist ungewollt, Schienenersatzverkehr. Mit meinem großen Koffer bin ich nicht so schnell am Busbahnhof. Ich muss auf den nächsten Bus warten. 
Der Mann mit der orangen Weste leert bedächtig den Mülleimer, sammelt Kippen und Dreck vom Wochenende ein. Empörung macht sich bei ein paar Wartenden breit. Zeit ist eine relative Wahrnehmung. 
Nach dem Einsteigen lässt die schnodderig-fröhliche Lautsprecheransage des Busfahrers allen Ärger verpuffen. Durch die grünen Vororte von Berlin, nach Wilhelmshagen, nach Friedrichshagen geht die Reise. Ungeduld? Warum sollte ich ungeduldig sein? Ich  bin auf der Reise. Es wird noch viele Tage geben in den nächsten Wochen, da führt mich die Reise andere Wege als ich es erwartet hatte. Es werden mir Menschen begegnen und Dinge, ich werde Orte erfahren und manchmal einen Umweg machen müssen. 
Von Friedrichshagen fährt wieder eine S-Bahn und vom Ostbahnhof ein Zug. 
Ich setze mir die Kopfhörer auf, habe mir ein Album ausgesucht, das ich lange nicht gehört habe. Lehne den Kopf an und fahre in die Welt. Die Welt schwingt, weil ich schwinge.
"Irgendwann" ist nämlich JETZT.


Reiseroute


Da die eingebaute Reiseroute nicht so funktioniert wie ich es mir vorstelle, habe ich eine Map erstellt. Dort kann man die Orte auf der Karte finden und anschauen.
Hier ist die Adresse (kopieren und eingeben):

https://drive.google.com/open?id=1eWhptm87o9YTXZI9vRprw1P0pt0&usp=sharing.

Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser, Venedig 1968


Aufruf an die Bewohner


Die Zeit ist gekommen.
Die Zeit der Beaufsichtigung ist vorbei.
Die Zeit des Wartens auf das Paradies ist vorbei.
Die Zeit des unfruchtbaren Redens ist vorbei.
Die Zeit des Tuns ist da.

Ich gebe die Häuser den Menschen zurück.
Nicht nur zum Schein,sondern wirklich.
Es ist ab jetzt Recht und Pflicht jedes Bewohners von gefängnisgleichen glatten Schachteln, diese eigenhändig umzuformen.
Außen und innen, genau dort, wo er wohnt.
Ohne Bevormundung:
Er beginnt damit,
seine weiße Einheits-Tür zum Gang,
seine weißen Einheits-Fensterrahmen
zu streichen
in Rot oder Grün, oder wie er es liebt.
Besonders außen,
damit er sein Fenster erkennen kann,
wenn er müde nach Hause kommt.

Wehe, wenn eine Behörde,
Wehe, wenn ein Gesetz oder irgendwas
ihm das verbieten, was selbstverständlich ist.
Wehe den Architekten!
Es ist die Pflicht jedes Architekten, das totale individuelle
Bauveränderungsrecht für die Bewohner des Hauses, das er
gerade baut oder gebaut hat, zu fordern und zu erwirken!
Sonst wird ihm das gewissen keine Ruhe lassen!